Das war die Bürgerbeteiligung zur Aufwertung der Altstadt

Am 10. April wurden die Ergebnisse der Bürgerbeteiligung, entstanden aus Stadtbegehungen, Ideensammlungen, Planungs- und Machbarkeitsworkshop, der Öffentlichkeit vorgestellt. Am 14. Mai hat der Stadtrat eine Entscheidung getroffen. Die Bilanz.Die Bürgerbeteiligung war ein voller Erfolg – so kann man den Prozess zusammenfassen, an dem alle Wolfratshauser die Gelegenheit bekamen, ihre Wunsch-Szenarien für die Flößerstadt einzubringen. Am 14. Mai stimmte dem auch der Stadtrat zu und nahm den gemeinsam erarbeiteten Vorschlag von Bürgern, Architekten und Akteuren der Stadt mit großer Mehrheit an. Ein Etappensieg auf einem langen Weg, bei welchem voraussichtlich im Frühjahr 2022 die Bagger rollen sollen.

Mitmachen erwünscht!

Begonnen hat der Beteiligungsprozess am 22. November letzten Jahres in der Loisachhalle. Rund 300 Interessierte fanden sich zur Auftaktveranstaltung des Projekts „Bürgerbeteiligung zur Aufwertung der Altstadt“ ein. Die Ziele – mit und für die Bürger gemeinsam gestalten, alle betroffenen Akteure mitnehmen und die Altstadt ganzheitlich aufwerten – klangen vielversprechend.

In der Zwischenzeit folgte eine „Stadt(ver)führung“ – geführte Begehung zur Begutachtung des Ist-Zustands – und das „Digitale Brainstorming“ auf dem Online-Portale „PUBinPLAN“ der Technischen Hochschule Deggendorf, das insgesamt über 3000 Mal aufgerufen wurde. Auch Schüler der 8. und 9. Klasse der Mittelschule steuerten Ideen und Pläne bei. Herzstück des Prozesses war der Kreativtag, wo die vielen Ideen zusammen mit dem Architekturbüro Schreiber professionell zu Papier gebracht wurden. Im Machbarkeitsworkshop wurde anschließend eine erste Realisierbarkeit der Ideen diskutiert.

Auf Plakaten, anhand von Modellen und in einer Powerpoint-Präsentation stellten einige 8.- und 9.-Klässler der Wolfratshauser Mittelschule ihre Ideen für die Aufwertung der Flößerstadt im Sitzungssaal des Rathauses vor. Sie hatten sich etwa besondere Sitzgelegenheiten und Wasserspiele im Markt, einen Fitness-Parcour an der Floßlände und einen „Flying Fox“ über die Loisach vorgestellt. Mit der gründlichen Vorbereitung und den interessanten Vorträgen beeindruckten sie nicht nur den Initiator der Zusammenarbeit, Stadtjugendpfleger Fritz Meixner, sondern auch Stadtmanager Stefan Werner und den 1. Bürgermeister Klaus Heilinglechner. (c) Stadt Wolfratshausen

Am 10. April fand der Bürgerbeteiligungsprozess einen  Abschluss, als ebenfalls in der Loisachhalle, der Öffentlichkeit die vorläufigen Ergebnisse vorgestellt wurden. Rund 100 Menschen waren gekommen, um sich anzuhören was als Ergebnis bei den vier vergangenen Veranstaltungen herausgekommen war. Außerdem  konnten sie zusammen mit dem 1. Bürgermeister Heilinglechner, dem Stadtmanager Dr. Stefan Werner, der Bauamtsleiterin Susanne Leonhard, der Architektin Claudia Schreiber sowie den ModeratorInnen Stephanie Pettrich und Torsten Zink vom Büro Identität & Image dazu diskutieren.

Klar erkennbare Oberziele

Das Fazit vom 1. Bürgermeister Heilinglechner war eindeutig: „Es kamen unglaublich viele kreative und engagierte Beiträge. Einige Vorstellungen waren sehr konträr, aber die beteiligten Bürger haben stets in einem demokratischen Prozess Wege gefunden. Sie haben uns gezeigt: So funktioniert es, gemeinsame Lösungen zu finden.“ Auch Stephanie Pettrich, deren Firma von Anfang an für die Moderation der Bürgerbeteiligung verantwortlich war, lobte das große Interesse und die rege Beteiligung, die sich durch sämtliche Veranstaltungen zogen. Sie stellte die „Oberziele“ vor, die beim Kreativtag am 26. Januar entstanden waren. Die Teilnehmer hatten hier, aufgeteilt in vier Gruppen, aus den gesammelten Ideen von Auftaktveranstaltung, Stadtbegehung und Online-Brainstorming konkrete Gestaltungsideen erarbeitet, die von Mitarbeitern des Architekturbüros Schreiber professionell in große Stadtpläne eingezeichnet wurden. „Vier getrennte Gruppen haben an diesem Tag vier eigene Zukunftsplanungen entworfen, aber alle sind zu ähnlichen Ergebnissen gekommen“, verriet Pettrich und kam zu dem Schluss, dass allgemein wichtige Oberziele klar erkennbar waren:

  • Die Altstadt soll mehr Aufenthaltsqualität gewinnen
  • Die Verteilung der Flächen in der Altstadt weg vom Individualverkehr hin zu mehr Aufenthaltsflächen für Fußgänger und Flächen mit Angeboten wie Außengastronomie, Märkte, Flächen zum Verweilen…
  • Fußgängerbereiche nahezu ebenengleich mit der Fahrbahn ausführen, aber eindeutig zur Fahrbahn abgrenzen
  • Oberflächen, Querungen und Wegeführungen barrierefrei gestalten
  • Wenig Parkplätze in der Altstadt – Angebote im direkten Umfeld ausreichend vorhanden
  • Marienplatz aufweiten, in die Marktstraße einbinden und erlebbar machen
  • Reduzierung der Durchfahrtsgeschwindigkeit durch Neuordnung
  • Vernetzung und Neugestaltung Gassen und Passagen Altstadt / Loisachufer und Bergwald
  • Treffpunkte / Aktivitätsangebote für die Jugend
  • Versuch, Schwerlastverkehr außen vor zu lassen (vorher ableiten)
  • Umgestaltung westliches Loisachufer
  • Lichtkonzept ggf. Ausleuchtung best. Bereiche

„Nicht einfach ein Marktplatz“

Wie sich das in die „tolle Ausgangssituation zwischen Loisach und Bergwald“ einfügen könnte, zeigte dann Architektin Claudia Schreiber. Sie bezeichnete den gesamten Prozess als „enorme Leistung: „Es handelt sich hierbei schließlich um einen riesigen Bereich, nicht einfach um einen Marktplatz.“ Die Zeit am Kreativtag sei etwas knapp geworden, um alle Vorschläge für den Bereich von der Musikschule im Norden bis hin zur Littig-Villa im Süden zu besprechen. Trotzdem hätten die Gruppen vier sinnvolle Varianten der Marktstraße gestaltet, deren Grundideen sich gut in einer Endplanung vereinen ließen. Auch gesammelte Ideen, die am Kreativtag aus Zeitgründen nicht mehr zur Diskussion standen, wurden nach Möglichkeit in der Plandarstellung von Frau Schreiber berücksichtigt.

Am Kreativtag wurde es ernst: Die Teilnehmer diskutierten in vier Gruppen, welche der zuvor gesammelten Vorschläge sich wie umsetzen ließen. Architektin Claudia Schreiber (2. v. li.) und ihre Mitarbeiter zeichneten die Ergebnisse dann in große Stadtpläne ein. (c) Tom Hirschmann

So wird beispielsweise vorgeschlagen, die Breite der Einbahnstraße auf 4,25 Meter zu reduzieren, um mehr Aufenthaltsflächen zu schaffen, und sie etwa am Marienplatz auf die Mindestbreite von 3 Metern zu reduzieren, um Querungen zu erleichtern. Sanfte Verschwenkungen und bauliche Maßnahmen sollen den Verkehr beruhigen, damit die Autofahrer nicht so einfach durch die Einbahnstraße „durchrauschen“. Der Marienplatz selbst könnte vorgezogen, geöffnet und erweitert werden. „So würden wir eine große Fläche gewinnen, die mit Sitzstufen, Bäumen und Bänken ausgestattet und beispielsweise für Märkte und Veranstaltungen genutzt werden kann.“ Dem gleichen Zweck könnte eine Aufwertung des Schwankl-Ecks mit Sitzmöglichkeiten dienen. Für Fahrräder, die in Nord-Süd-Richtung auf der Einbahnstraße und zurück am Loisachufer entlang fahren könnten, sind mehr Fahrradständer angedacht.  Außerdem wurden Standorte für Beleuchtung und Begrünung angedeutet.

Schreiber betonte mehrmals, dass es sich nur um Vorschläge handle und jedes Detail geprüft werden müsse. „Ich hoffe, wir haben Ihre Vorstellungen getroffen“,  schloss sie, und wurde vom Publikum am 10. April mit viel Applaus verabschiedet.

Dennoch hatten die anwesenden Bürgerinnen und Bürger einige Anregungen, etwa das Element Wasser in der Marktstraße erlebbarer zu machen, Radfahrer besser einzubinden und ganz besonders die Bürgerbeteiligung fortzuführen und die bereits gesammelten Ideen auch von Jugendforum und der Schülerbeteiligung der Mittelschule weiter einzubeziehen.

Der Stadtrat ist zufrieden – mit Einschränkungen

Nun wurde der Ball den Stadträtinnen und Stadträten zugespielt. In der Stadtratssitzung am 14. Mai bekamen sie die Ergebnisse der Bürgerbeteiligung in Form eines Zielekonzepts und einem Verfahrensvorschlag für die Umsetzung vorgestellt. Mit großer Mehrheit wurde beidem zugestimmt. Auch Ideen und Hinweise wurden geäußert, die bei den nächsten Schritten berücksichtigt werden sollen.

Es ging etwa um den Vorschlag, den Marienplatz größer und besser nutzbar für Veranstaltungen zu gestalten indem der Marienbrunnen ein kleines Stück weiter zur Straße versetzt wird. Eine Versetzung des Brunnens soll aufgrund seines historischen und stadtbildprägenden Charakters in der weiteren Planung sehr kritisch abgewogen werden. Auch die Erhaltung der beiden flankierenden Platanen ist einigen in diesem Zusammenhang wichtig.

In der Marktstraße muss Aufenthaltsqualität für Bürger und Touristen, für Kinder und Senioren  geschaffen werden – nur so kann sich das Einkaufen als Erlebnis vom Online-Shopping abgrenzen. Der Wegfall von regulären Parkplätzen, natürlich abgesehen von Behindertenparkplätzen und Ladezonen, sollte anderorts kompensiert werden. Ebenso muss bei einer nahezu ebenengleichen Umgestaltung der Marktstraße aus Sicherheitsgründen gewährleistet sein, dass eine klare Trennung zwischen Fahrbahn und Fußgängerbereich besteht. Querungshilfen wurden als weiteres wichtiges Element betont.

Die Teilnehmer der Abschlussveranstaltung im April diskutierten ebenso angeregt über die Details des Ergebnisses der Bürgerbeteiligung wie einen Monat später der Stadtrat. Eines jedoch stand fest: So viel Engagement und bedachte Planung ist viel wert und bedeutet einen großen Fortschritt. (c) Tom Hirschmann

Viele Stadträte wünschen sich für die Vorentwurfsplanung die Darstellung alternativer Varianten, etwa bei der Beleuchtung, der Umgestaltung des Marienplatzes, der Einbindung des Radverkehrs, der Herstellung einer Sichtbeziehung zum Rathausinnenhof oder der Verlängerung der Einbahnstraße nach Süden hin. Letzteres könnte gegebenenfalls eine Verbreiterung der dortigen Gehwege ermöglichen. Mit Hilfe dieser Darstellungen soll sich besser abschätzen lassen, ob sich die neuen Pläne gut in das Wolfratshauser Stadtbild einfügen.

Allgemein wurde der Bürgerbeteiligungsprozess als gutes und wichtiges Ergebnis wertgeschätzt. Dass die vielen Beteiligten beim Kreativtag getrennt arbeiteten und dennoch zu einem Konsens fanden,  war unter anderem ausschlaggebend für das positive Feedback.

Die Architektin Frau Schreiber appellierte nach einer angeregten Diskussion selbst an den Stadtrat: „Ich will noch einmal betonen, wie viel Arbeit die engagierten Wolfratshauser Bürger hier geleistet haben. Dennoch ist dieses Zielekonzept nur ein Vorschlag, der in eine Richtung weist. Jedes einzelne Detail, seien es Parkplätze, die Fahrbahnbreite oder die Gestaltung des Marienplatzes, muss später noch einmal überdacht, geprüft und konkretisiert werden. Mit einem Ja gehen Sie also kein Risiko ein!

Die Antwort der offenen Abstimmung war schließlich ein eindeutiges Ja, jedoch mit einer örtlichen Ergänzung: die Vorentwurfsplanung erstreckt sich nun von der Musikschule im Norden bis zum Weg Am Bach/Paradiesweg im Süden (anstatt nur bis zur Littig-Villa).

Geduld bis 2020

Stadtmanager Dr. Stefan Werner skizzierte in seiner Präsentation das weitere Vorgehen. Er teilte die Altstadt in drei Zonen ein, die nacheinander  erneuert werden sollen: Als erster Realisierungsschritt soll der Bereich der heutigen Einbahnstraße zwischen Bahnhofstraße und Johannisgasse aufgewertet werden, weil die Absprachen mit den übergeordneten Behörden hier schon am weitesten fortgeschritten sind. Parallel dazu sollen im Rahmen der Vorentwurfsplanung die Umgestaltungsmöglichkeiten im südlichen Bereich der Markstraße zwischen dem Weg Am Bach und Johannisgasse und im nördlichen Bereich zwischen Bahnhofstraße und Musikschule geprüft werden. Als dritte Zone ist das westliche Loisachufer an der Reihe. Obwohl hier bereits ein Konzept aus einem städtebaulichen Wettbewerb existiert, muss man mit der Umsetzung auf die Realisierung des geplanten Parkhauses am Hatzplatz warten.  Dorthin können Kunden ausweichen, wenn später die Parkplätze am westlichen Loisachufer wegfallen. Die Umfeldgestaltung des Hatzplatzes wird gleichzeitig der Startschuss für die Fortsetzung der Planung des westlichen Loisachufers sein.

Bürgermeister Klaus Heilinglechner, Stadtmanager Stefan Werner und Bauamtsleiterin Susanne Leonhard standen den Besuchern der Abschlussveranstaltung Rede und Antwort. Stephanie Pettrich vom Büro Identität & Image (li.) moderierte den gesamten Prozess zusammen mit ihrem Kollegen Torsten Zink. (c) Tom Hirschmann

Als frühester Baubeginn in der Markstraße erscheint aus heutiger Perspektive das Frühjahr 2022 möglich. Bis es soweit ist, stehen noch einige Schritte an. Der Nächste ist die Vergabe der Vorentwurfsplanung und schließlich ihre Vorstellung im neu konstituierten Stadtrat im Sommer 2020. Dann sind erst einmal wieder die Bürger gefragt, die sich  zu den Ergebnissen der Vorentwurfsplanung nochmal einbringen können. Der 1. Bürgermeister Heilinglechner sagte deutlich: „die Bürger zuerst fragen und dann alles im stillen Kämmerlein zu klären geht gar nicht. Wir können gar nicht aus, die Bürger weiter zu beteiligen.“

Diese Vorgehensweise konnte auch Moderator Torsten Zink von der Agentur Identität&Image nur loben: „Dialog vor Design, das haben zur Zeit ja nicht einmal die Politiker auf internationaler Ebene im Griff“, bemerkte er und attestierte: „Woran die EU noch arbeiten muss, das hat Wolfratshausen mustergültig hinbekommen.“

Wer sich ansehen will, wie die Bürgerbeteiligung ablief und was dabei herausgekommen ist, findet die vollständige Dokumentation auf der Website www.wolfratshausen.de/beteiligung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*
*
Website