Von ganz unten – Die letzten Dinge

Eine Sonderausstellung von Mattia Balsamini im BADEHAUS

 

Schiffsunglück – da denken viele gleich an die Titanic. Das ist schon über 100 Jahre her und trotzdem kennt sie jeder und wird immer wieder mit Dokumentationen neu ins Leben gerufen. Doch was ist mit Schiffen, die vor weniger als 5 Jahren versunken sind? Am 18. April 2015 ereignete sich im Mittelmeer ein tragisches Schiffsunglück, bei dem über 800 geflüchtete Menschen ihr Leben gelassen haben. Wenige Opfer ließen sich identifizieren – gefunden wurden ihre persönlichen Gegenstände.

Zu diesem Thema gibt es vom 1. Dezember 2019 bis zum 29. März 2020 eine Ausstellung im Erinnerungsort BADEHAUS im Ortsteil Waldram. Mattia Balsamini, ein italienischer Fotograf und Dozent einer Architekturhochschule in Venedig, hat die Gegenstände dieser Menschen fotografiert.

Wir haben mit Elisabeth Voigt, die Teil des Veranstaltungsteams ist, über die Sonderausstellung gesprochen.

Erzählen Sie uns bitte etwas über den Künstler Mattia Balsamini.

Mattia Balsamini ist 1987 in Pordenone in Italien geboren, lebte ab 2008 mehrere Jahre in Los Angeles, USA, wo er im Bereich Modefotografie und Film tätig war. Mittlerweile, wieder zurück in Italien, arbeitet er als Dozent an der IUAV University, der Architekturhochschule von Venedig, und für verschiedene Fotoagenturen. Zu seinen Kunden gehören unter anderem Apple, Die Zeit, Mercedes und The Guardian. Mit der Süddeutschen Zeitung verbindet ihn eine lange Zusammenarbeit, im Rahmen derer die Fotoreportage „Von ganz unten“ entstanden ist und die im SZ-Magazin vom 17. Mai 2019 veröffentlicht wurde.

Welche Geschichte erzählt der Künstler mit seinen Bildern?

Mattia Balsaminis Fotos zeigen Gegenstände von Flüchtlingen, die auf dem Weg nach Europa über das Mittelmeer ertrunken sind. Die gezeigten Gegenstände wurden in dem Wrack eines 2015 gesunkenen Bootes gefunden und von Herrn Balsamini für die Forensik in Mailand fotografiert. Sehr wenige Opfer ließen sich identifizieren. Diese Gegenstände vom Wrack verraten keine Namen – aber sie erzählen von den Ertrunkenen. Das ist die Geschichte hinter den Fotos.

Was hat Balsaminis Ausstellung mit dem BADEHAUS zu tun?

Ein Schwerpunkt unseres BADEHAUSes ist sind die Themen Flucht, Vertreibung, Entwurzlung und Verschleppung in den drei historischen Schichten der NS-Zeit, die Zeit von Föhrenwald als DP-Lager und die Ära der katholischen Vertriebenenfamilien. Flucht und Vertreibung sind aber nach wie vor höchst aktuelle und brisante Themen. Mit unserer Ausstellung wollen wir in unseren BADEHAUS auf dieses Drama, das sich gegenwärtig nach wie vor ereignet, aufmerksam machen.

Wie sind Sie auf die Fotos von Mattia Balsamini aufmerksam geworden?

Viele unserer Mitarbeiter lesen die Süddeutsche Zeitung und als die Reportage mit den Fotos in der Maiausgabe des SZ-Magazins erschien, schlug unsere Vorstandsvorsitzende Dr. Sybille Krafft vor, dass dieses Thema  zu den Inhalten unseres Badehauses passt. Wir haben die Idee aufgegriffen und Mattia Balsamini war sofort einverstanden, diese Fotos – zum ersten Mal – im Rahmen einer Ausstellung zu präsentieren.

Wie lange ist die Ausstellung für die Besucher zugänglich?

Die Ausstellung wird vom 1.Dezember bis 29.03.2020 zu sehen sein.

Was finden Sie persönlich besonders spannend an den Fotos von Mattia Balsamini?

Da ich selbst viele Jahre in der Begleitung von Asylbewerbern tätig war und die letzten drei Jahre als Klassenleiterin Flüchtlingsklassen unterrichtete, haben mich die Fotos unmittelbar getroffen. Ich hatte mit traumatisierten Überlebenden zu tun, deren Geschichten schlimm genug sind. Die Gegenstände der vielen Toten, deren Namen wir nicht kennen, die häufig nicht einmal begraben werden können, haben mich als letzten persönlichen Ausdruck dieser Menschen sehr berührt.

Herzlichen Dank, Frau Voigt, für das Gespräch!

 

⇒ Alle wichtigen Informationen zu der Sonderausstellung finden Sie auf der Homepage des BADEHAUSes.

Impressionen der Vernissage am 01.12.2019:

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