G´schichten aus dem Stadtarchiv – Ein Brief des Königs (1/5)

Mit einem besonderen Schreiben des König Ludwigs starten wir unsere Serie auf dem Blog und teilen mit euch die besten fünf „G´schichten aus dem Stadtarchiv“ – wiederentdeckt und geschrieben seitens unseres Stadtarchivars Simon Kalleder.

„Herr Bürgermeister Melchior Schneider! Die Adresse der Einwohnerschaft von Wolfratshausen, in welcher eine rührende Theilnahme an dem unersetzlichen Verluste ausgesprochen ist, den Ich und Mein liebes Bayern durch den frühen Tod des besten Vaters erlitten, habe Ich mit Befriedigung entgegengenommen. Drücken Sie Ihren Mitbürgern Meinen freundlichen Dank hiefür aus, ebenso wie für die gleichzeitig ausgesprochenen Versicherungen altbewährter Bayerntreue. Mit Werthschätzung,

München, den 27. April 1864

Ihr wohlgesonnener König Ludwig“

 

Hintergrund für diesen Brief war der Tod seines Vaters, König Max II. kurz vorher, am 10.März 1864. Dieser war nur 52 Jahre alt geworden. Heutzutage ist Max II., ganz im Gegensatz zu seinem Sohn, leider etwas in Vergessenheit geraten. Er begann seine Herrschaft, nachdem sein Vater König Ludwig I. auf Grund der Affäre mit Lola Montez und vor allem seiner ziemlich restriktiven Herrschaftsweise 1848 mehr oder weniger zum Rücktritt gezwungen worden war.

Max II. versuchte im Gegensatz zu seinem Vater verfassungsgerechter und moderner zu regieren. Er interessierte sich sehr für Wissenschaft und Literatur, war aber auch begeisterter Wanderer und Jäger. Aufsehen erregte er mit dem sogenannten Nordlichterstreit, bei dem er zahlreiche Gelehrte aus Norddeutschland nach München lockte. Dies führte bei den Einheimischen zu teils heftiger Ablehnung. Sein Tod kam dann plötzlich und überraschend. Nach kurzer Krankheit verschied er, und sein erst 18-jähriger Sohn Ludwig musste das Königsamt übernehmen.

Anlässlich dieses tragischen Todesfalls ging nun ein Schreiben des Wolfratshauser Bürgermeisters Melchior Schneider an den neuen König. Was er genau geschrieben hat, lässt sich, zumindest von Wolfratshausen aus, leider nicht mehr sagen. Eventuell liegt das Schreiben jedoch noch im Geheimen Hausarchiv der Wittelsbacher in München. Jedenfalls muss Bürgermeister Schneider den richtigen Ton getroffen haben, denn am 27. April bekam er eine Antwort, von König Ludwig II. persönlich unterschrieben, was nicht unbedingt selbstverständlich war!

Über Ludwigs Aussage des besten Vaters kann man sicherlich streiten. Denn laut Zeitzeugen war Max II. nicht gerade der Traumvater. Er war wohl sehr distanziert zu seinen Söhnen Ludwig und Otto und ließ sie sehr streng erziehen. Trotzdem dürfte Ludwigs Trauer nicht gespielt sein; seinen Vater so jung zu verlieren stellt ja auch eine dramatische Ausnahmesituation dar. Umso ehrender für ihn, dass er sich dennoch die Zeit für dieses Schreiben genommen hat.

Sicher ist dieser Brief kein weltbewegendes Dokument voll politischer Sprengkraft. Aber es ist ein frühes, recht persönliches Zeugnis einer für Bayern sehr bedeutenden Person mit direktem Bezug zu unserer Stadt. Damit hat er meiner Meinung nach etwas Beachtung durchaus verdient, so wie viele andere der im Stadtarchiv vorhandenen Dokumente.

Nach diesem eher traurigen Brief werde ich euch beim nächsten Mal eine lustigere Akte präsentieren.

Euer Stadtarchivar Simon Kalleder

 

Zum Weiterlesen

Kennt ihr bereits unser Stadtarchiv der Stadt Wolfratshausen? Hier haben wir euch die offizielle Homepage verlinkt, auf der ihr neben den Öffnungszeiten auch die Aufgaben und weitere Informationen zum Stadtarchiv finden könnt.

Vorschau

Schaut am Mittwoch, den 26.08.2020, wieder auf unserem Blog vorbei. Hier geht es dann mit dem zweiten Teil unserer Serie „G´schichten aus dem Stadtarchiv“ weiter und ihr könnt euch schon auf einen Muskelkater eurer Lachmuskeln gefasst machen.

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*
*
Website