Wald(er)leben im Herbst

Seit 15 Jahren ist Robert Nörr bereits unter anderem für den Wolfratshauser Bergwald zuständig und in diesem Jahr kommt noch ein Jubiläum hinzu: 10 Jahre Bergwald Erlebnispfad! Dank dem ca. 2 km interaktiven Wanderpfad können zahlreiche Facetten des Bergwaldes entdeckt werden. Gefördert wurde das Projekt seitens des Bayerischen Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten sowie des Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER).

Auch im Herbst lohnt sich eine kleine Erlebnisreise durch den Bergwald, denn ruhig wird es hier ganz und gar nicht. In welcher Umbruchphase der Wald nun steckt und was hier derzeit im Herbst geschieht, hat uns Robert Nörr in einem Interview verraten.

Auf Bergwald kann man nicht nur viel entdecken, sondern wird auch mit einem herrlichen Ausblick belohnt.

Herr Nörr, herzlichen Dank für Ihre Zeit! Im Herbst finden viele Veränderungen im Wald statt. Neben den schillernd-leuchtenden Farben der Laubbäume, gibt es noch zahlreiche andere Dinge zu entdecken. Was geschieht derzeit in der Pflanzenwelt des Wolfratshauser Bergwalds?

Die meisten Pflanzen haben ihren „Wachstumsstress“ hinter sich und bereiten sich schon auf Frost und Kälte vor. Manche bilden ihr eigenes „Frostschutzmittel“, den Zucker. Andere, wie das Schneeglöckchen, ziehen sich in eine Zwiebel im Boden zurück, um dann bei den ersten warmen Tagen mit voller Kraft austreiben zu können.

Die Laubbäume bereiten sich darauf vor, ihre Blätter abzuwerfen. Sie bilden hierzu „Sollbruchstellen“ und ziehen möglichst viele Nährstoffe sowie das Chlorophyll noch aus den Blättern. Das ist auch der Grund für die „tausend Farben“ der Blätter im Herbst. Gerade werden auch die Bucheckern und bald die Eicheln reif; zur Freude vieler Tiere, von den Bäumen aber nur zur Fortpflanzung produziert.

Viele Pilze sprießen bei diesem Wetter aus dem Boden. Was wir sehen, sind ja nur die Fruchtkörper, die ein gigantisches Gewirr an Wurzeln, das sogenannte Pilzmyzel, hervorbringt. Der Grund für die Fruchtkörperbildung: nicht die Freude des Menschen am Schwammerlsuchen befriedigen, sondern einfach die Weiterverbreitung der eigenen Art über Sporen.

Auch bei den Pflanzen gibt es verschiedene „Naturelle“: die „Tollkühnen“, die noch jeden Sonnenstrahl zum maximalen Wachstum ausnutzen, bei einem frühen Frost aber stark zurückfrieren. Und die „Übervorsichtigen“, die schon sehr früh zum Wachsen aufhören, um nur ja keine Frost zu erwischen.

 

Neben der bunten Pflanzenwelt, gibt es auch zahlreiche tierische Bewohner im Bergwald. Was steht bei den Waldtieren derzeit auf der Tagesordnung?

Fett werden. Oder besser gesagt: Fett einlagern. Fett ist ein optimaler Energiespeicher, der die Tiere über den kargen Winter bringt. Im Tierreich hat im Winter der Dickste die besten Überlebenschancen….

Je nach Lebensweise haben Wildtiere unterschiedliche Anpassungen an den Winter. Hauptproblem der Tiere ist die Nahrungsknappheit und die Kälte. So haben Fleischfresser wie der Fuchs im Winter deutlich bessere Chancen an Nahrung zu kommen, als zum Beispiel der Igel, der hauptsächlich Insekten frisst, die im Winter nicht zur Verfügung stehen. Daraus haben sich im Laufe der Evolution grob folgende Überwinterungsstrategien entwickelt:

Winterschlaf: Vor allem bei Tieren die im Winter keine Nahrung finden können; Reduzierung des Energiebedarfs und Zehren von Reserven (Igel, Fledermäuse);

Winterruhe: Reduzierung des Energiebedarfs, aber häufigeres Aufwachen und suchen nach Nahrung; teilw. werden im Herbst Vorräte angelegt (Eichhörnchen, Eichelhäher);

Winterstarre bei wechselwarmen Tieren: Diese erstarren und wachen erst wieder bei wärmeren Temperaturen auf (Fische, Frösche, Insekten);

Winteraktive Tiere: Darunter fallen alle Tiere, die auch im Winter Nahrung finden können wie Reh, Fuchs, Hase, Standvögel.

Lupus der Wolf zeigt euch die zahlreichen Facetten unseres Bergwaldes. Auf dem Wald-Erlebnispfad könnt ihr auch im Herbst spannende Eigenschaften unseres Bergwaldes entdecken und erforschen.

Man spricht auch vom Ökosystem Wald. Wie ergänzen sich die Tier- und Pflanzenwelt in den Herbstmonaten im Bergwald und was macht das so wichtig?

Die Beziehungen und Abhängigkeiten zwischen Tieren und Pflanzen sind so vielfältig, dass wir nur einen kleinen Bruchteil davon kennen.

Der Eichenhäher z.B. profitiert stark von der Eiche. Er hat nicht nur seinen Namen von ihr, sondern auch seine Lieblingsspeise. Er legt sich Wintervorräte an Eicheln an. Zum Glück für die Eichen vergisst er einige davon. So können neue Eichen keimen, die kostenlose Beförderung durch das „Eichelhäher-Taxi“ hat funktioniert. Gleichzeitig hat der Eichenhäher damit vorgesorgt, dass auch seine Nachfahren in 100 Jahren noch Eicheln zum Fressen haben werden.

Aber Pflanzen und Tiere können sich aber auch massiv schaden, insbesondere wenn sich Rahmenbedingungen ändern. Der Ulmensplintkäfer z.B. hat einen Pilz „im Gepäck“, der Ulmen zum Absterben bringt. Der Käfer entzieht sich damit selbst seine Lebensgrundlage. Der Schuldige ist allerdings der Mensch, der durch Importe den aggressiven Pilz eingeschleppt hat.

Billiarden von Arbeitern warten nur auf die abfallenden Blätter: Die Bodentierchen verarbeiten diese zusammen mit Pilzen in mühevoller Kleinarbeit zu Humus. Ohne diese kostenlose Müllabfuhr würden die Wälder in Laub ersticken, würde der wertvolle und überlebensnotwendige Humus fehlen.

Danke für die spannenden Einblicke in das System unseres Bergwaldes. Der Bergwald Erlebnispfad greift noch weitere spannende Einzelheiten des Waldes auf und es gibt wirklich viel Neues zu entdecken – auch für die „alten Hasen“. Welche Eigenschaft unseres Bergwaldes fasziniert Sie immer wieder?

Seine Dynamik. In den 15 Jahren, in denen ich mich um den Bergwald kümmere, hat er sich unglaublich stark verändert. Zum einen „unfreiwillig“ durch die vielen Bäume, die wir aus Verkehrssicherungsgründen oder aufgrund von Katastrophen wie den Schneebruch 2010 oder 2019 fällen mussten. Zum anderen ist der Wald dadurch aber heller geworden, die neue Baumgeneration wächst nach, viele abgestorbene Bäume sind vielbesuchte „Insektenhotels“. Insgesamt ist der Bergwald nun deutlich vielfältiger als früher. Die Natur hat hiervon profitiert….

 

Vielen lieben Dank, Her Nörr, für das tolle Interview.

Ob auf der Entdeckungsreise auf dem Erlebnispfad oder wandernd auf den zahlreichen Wegen des Wolfratshauser Bergwaldes – der Wald bietet Erholungs- und Lebensraum für Mensch und Tier.

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Am 26.09.2020 findet in diesem herausfordernden Jahr eine der Führungen mit Robert Nörr statt. Wir treffen uns um 09:45 Uhr am Marienplatz und starten gemeinsam zu einer ungefähr zweistündigen Entdeckungstour in den Bergwald.

Bitte nehmt sicherheitshalber eure Masken mit und tragt diese auch am Treffpunkt. Eure Anmeldedaten werden für 14 Tage gespeichert, damit unter Umständen eine Nachverfolgung der Kontaktpersonen möglich ist. Die Bezahlung ist ganz unkompliziert vor Ort möglich. Sollte der Fall eintreten, dass zu wenig Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich anmelden, behält es sich die Stadt Wolfratshausen vor, die Führung abzusagen. Ihr könnt Euch anmelden unter laura.schniotalle@wolfratshausen.de. Weitere Informationen folgen dann nach Eurer Anmeldung.

 

Ihr wollt den Bergwald Erlebnispfad auf eigene Faust entdecken? Hier findet ihr alle Informationen, die ihr hierfür benötigt: Vom GPS-Track für den Wegverlauf bis hin zu den kniffligen Quizfragen, die ihr unterwegs lösen könnt. Schaut einfach vorbei!

 

In einer Video-Playlist nimmt euch Robert Nörr virtuell mit in den Bergwald:

 

 

 

 

 

 

 

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