G´schichten aus dem Stadtarchiv – Skandale bei der Floßfahrt (2/5)

Wie beim letzten Mal versprochen, gibt es diesmal eine lustige Geschichte! Wir befinden uns im Jahr 1912. Seit ein paar Jahren sind die Wolfratshauser Flößer auf eine, wie wir heute wissen, sehr zukunftsfähige Idee gekommen. Der Warenverkehr war in der vohergehenden Zeit – nicht zuletzt durch die Isartalbahn – nach unten gegangen. Umgekehrt kamen durch die Isartalbahn aber mehr und mehr Ausflügler und Sommerfrischler nach Wolfratshausen. Viele dieser Ausflügler wären nur zu gern auf den Flößen mitgefahren, zudem mussten sie ja ohnehin irgendwann wieder zurück nach München. Mit der nun einsetzenden Personenfloßfahrt ließ sich beides auf das Prächtigste verbinden.

Unter den damaligen Gästen scheinen Studenten eine große Gruppe gebildet zu haben. Und hier kommen wir zum Anlass des Dokuments. Denn was macht so ein Student (Studentinnen waren damals ja leider eher die Ausnahme), wenn es heiß ist, er wohl vom Bier nicht mehr ganz nüchtern und zudem berauscht vom Gefühl des Abenteuers einer Floßfahrt? Er springt ins Wasser. Und in Zeiten vor schnell trocknenden Badehosen aus Kunstfaser macht er dies so wie Gott ihn schuf, also pudelnackert! Aber solch unsittliches Treiben ist in der damaligen Zeit nicht gerade erwünscht und so kommt es zu folgendem Vorgang, den ich euch im transkribierten Originaltext vorstellen möchte:

Wolfratshausen am 2. Juli 1912

Betreff: Floßfahrten

I.
Bei Floßfahrten kommt es häufig vor, dass junge Leute, insbesondere Studenten, sich in unmittelbarer Nähe des Marktes am Floße völlig entkleiden, um zu baden.

Dies gibt zu Beanstandungen Anlass und muss auf Hinterhaltung dieser Ungehörigkeit umsomehr hingewirkt werden, weil vielfach Kinder in der Nähe sind. Nach der ortspolizeilichen Vorschrift vom 9. Oktober 1905 ist das Baden in allen öffentlichen Gewässern des Marktes Wolfratshausen, insbesondere in der Loisach und dem Floßkanale, verboten (ausgenommen die gemeindliche Badeanstalt und die Badehütten).

II
Lt. Bekanntgabe an die hiesigen Floßleute mit dem Bemerken, dass Zuwider-handlungen gegen die vorerwähnte ortspolizeiliche Vorschrift dem Magistrate zu melden und hierbei die Zuwiderhandelnden namhaft zu machen sind. Eventuell müssten die beteiligten Floßleute für die vorkommenden Uebertretungen verantwortlich gemacht werden.

Vor Abgang des Floßes sind die Teilnehmer jeweils auf die ortspol. Vorschrift v. 9. X. 1905 aufmerksam zu machen.

Magistrat Wolfratshausen

Eröffnet erhalten Seidl, Seb. Geringer, Seitner, Kellerer, Augustin Kopfgutter, Kaspar Dreipler.

Kopfgutter u. Dreipler (?) wünschen, dass am Loisachufer eine Tafel betr. „das Verbot über baden“ angebracht wird, da ihre mündl. Verwarnungen nicht befolgt werden.

Ob die Badeverbote in der folgenden Zeit eher eingehalten wurden und niemand mehr durch den Anblick entblößter Studenten gestört wurde, darüber liegen mir leider keine Informationen vor.

Bis bald!

Euer Stadtarchivar Simon Kalleder

 

 

Zum Weiterlesen

Habt ihr den ersten Teil unserer Serie „G´schichten aus dem Stadtarchiv“ verpasst? Kein Problem, hier gelangt ihr direkt zu dem ersten Blogartikel, bei dem es um einen Brief des Königs geht.

Kennt ihr bereits unser Stadtarchiv der Stadt Wolfratshausen? Hier haben wir euch die offizielle Homepage verlinkt, auf der ihr neben den Öffnungszeiten auch die Aufgaben und weitere Informationen zum Stadtarchiv finden könnt.

Vorschau

Am Mittwoch, den 02.09.2020, geht´s weiter! Freut euch auf einen weiteren kleinen Skandal, der sogar dem Innenministerium unruhige Nächte verschaffte.

 

 

 

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